Interview in der Zeit zum Wechselmodell

In der Zeit (Artikel hier) wurde ein Interview veröffentlicht mit einer ehemaligen Rechtsanwältin für Familienrecht. Die Expertin begeistert sich hier flammend für das Wechselmodell und hebt die Flexibilität von Kindern hervor.

Leider kann ich den Enthusiasmus der Kollegin nicht ganz teilen.

Natürlich wäre es für die Kinder besser, wenn sie nach der Trennung keinen Elternteil vermissen müssten. Die Realität und vor allem die Praxis sieht aber leider anders aus. Die Kollegin betont, dass die Kinder von zwei Haushalten profitieren können.

Ich bin auch kein Fan der „Wochenendväter“, da ich auch der Ansicht bin, dass der andere Elternteil (sagen wir einfach mal: der Vater) auch in den Alltag mit einbezogen wird und auch die unangenehmen Seiten der Erziehung (von der Schule abholen, Hausaufgaben machen etc.) übernimmt. Es ist nur mittlerweile erkannt worden, dass das Wechselmodell praktisch als gescheitert anzusehen ist.

Zunächst einmal ist Grundvoraussetzung für die komplikationslose Durchführung des Wechselmodells eine reibungslose Kommunikation zwischen den Eltern. Diese ist leider in den meisten Fällen nicht gegeben. In Hochkonflikttrennungen kann das Wechselmodell erfahrungsgemäß in eine Katastrophe ausarten und den Kindern sogar schaden. Es ist bedauerlich, dass die Kollegin auf diesen Aspekt nicht eingeht und diesen lapidar damit abtut, dass Eltern ihren Kinder zuliebe eben Verantwortung übernehmen und ein Team bleiben müssen. In einer idealen Welt ist das sicherlich eine schöne Vorstellung, die Realität sieht aber leider so aus, dass es in hochkonflikthaften Auseinandersetzungen, in denen keinerlei Kooperation möglich ist, keine Bereitschaft besteht, den anderen Elternteil engmaschig zu informieren über den Alltag des Kindes. Dies ist aber unabdingbar, um auch eine stringente und konsequente Versorgung  im Rahmen eines Wechselmodells zu gewährleisten. Wenn ein Elternteil den anderen nicht über die anstehende Schulaufgabe informiert, fällt diese Aufgabe dem Kind zu, dass dann wieder als Vermittler und Bote zwischen den Eltern fungieren muss, was nicht Sinn und Zweck der Übung ist.

Ich habe auch schon oft die Erfahrung gemacht, dass Kinder von dem Wechselmodell schnell überfordert sind. Es hört sich erstmal gut an, das Kind in zwei Haushalte im Alltag voll zu integrieren. Ich habe allerdings schon oft erlebt, dass Kinder nicht den Vorteil von zwei Wohnungen sehen, sondern einen echten Lebensmittelpunkt vermissen. Gerade wenn Kinder älter werden und in die Pubertät kommen, brauchen sie oft ein Zuhause, einen Fixpunkt. Ich habe es schon oft erlebt, dass Kinder nach einem jahrelang praktizierten Wechselmodell dieses plötzlich ablehnen und überwiegend bei einem Elternteil bleiben wollen. Kinder sind bestimmt flexibel, aber man sollte ihre Flexibilität auch nicht überstrapazieren. Die Kollegin schreibt: Das Gute am Wechselmodell ist: „Die Eltern begegnen sich auf Augenhöhe. Es gibt keinen Gewinner oder Verlierer.“ Es geht aber in Kindschaftssachen nicht darum, den Eltern gefällig zu sein, sondern es geht ausschließlich um das Kind.

Und da ist jedes Kind individuell zu betrachten. Es gibt Kinder, für die ist das Wechselmodell eine Ideallösung. Es gibt aber andere Kinder, die aus den verschiedensten Gründen eine stärkere Bindung zu einem Elternteil haben oder die sensibel sind und mit den wechselnden Veränderungen überfordert sind. Für die ist das Wechselmodell eine Katastrophe. Die Kollegin macht es sich dabei sehr einfach, wenn sie behauptet, dass ein entfremdeter Elternteil dahintersteckt, wenn ein Kind das Wechselmodell ablehnt.

Das wird leider von der Kollegin viel zu wenig differenziert dargestellt.

Auf die  Frage, ob Richter das Wechselmodell gerichtlich anordnen können antwortet sie „Ja, in Umgangsverfahren geschieht das sehr oft“. Ich weiß nicht, wo die Kollegin praktiziert hat, aber im süddeutschen Raum, wo ich tätig bin, habe ich es noch nie erlebt, dass ein Richter ein Wechselmodell gegen den Willen eines Elternteils angeordnet hat. Es gibt auch genug Studien, die beweisen, dass dies verheerende Folgen haben kann. Ich weiß daher nicht, wie die Kollegin zu so einer Behauptung kommt, mir ist das völlig neu.

Noch eins zum Schluss: die Kollegin scheint auch ein Fan vom Nestmodell zu sein, in dem die Kinder in dem vertrauten Umfeld in der Wohnung bleiben und sich die Eltern in dieser Wohnung mit der Betreuung abwechseln. Das einzige Problem bei dieser Lösung sieht die Kollegin im Finanziellen, da jeder Elternteil zusätzlich noch eine weitere Wohnung anmieten müsste.

Das ist nun meine höchstpersönliche Meinung, die man nicht teilen muss, aber ich lehne das Nestmodell kategorisch ab. Lieber zehnmal Wechselmodell, als einmal Nestmodell. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass das nicht funktioniert!

Es gibt dabei zwei Lösungen. Entweder ein Elternteil (sagen wir mal die Mutter) bleibt in der alten Wohnung und zieht nur zu einer Freundin, Verwandten oder ins Hotel, wenn der Vater zu Besuch kommt. Unweigerlich kommt der Moment, in dem sich die Mutter in ihrer Privatsphäre gestört fühlt, wenn der andere Elternteil längere Zeit in der Wohnung bleibt und die eigenen Sachen benutzt.

Variante zwei ist die von der Kollegin offenbar bevorzugte mit drei Haushalten. Hier ist zu beachten, dass im Prinzip die Kinder kein wirkliches Zuhause haben. Sie leben zwar in ihrer bis dahin gewohnten Umgebung. Aber ihren Alltag leiten Kinder in gewisser Weise von ihren Eltern ab, welche schließlich die Regeln im Rahmen der Erziehung vorgeben. In dieser Variante lebt jeder Elternteil in seiner eigenen Wohnung seinen Alltag und dann gibt es noch den weiteren „künstlichen“ Alltag mit den Kindern. Nicht die Kinder erleben das Zuhause der Eltern, sondern umgekehrt die Eltern das Zuhause der Kinder. In diesem Zuhause gibt es aber keine klaren Strukturen, da keiner der Eltern dies als Lebensmittelpunkt ansieht. Es ist realitätsfern, zu denken, dass der jeweilige Elternteil, der noch eine weitere Wohnung hat, die Wohnung, die er sich mit dem anderen Elternteil teilt, als sein Heim ansieht. Dies ist aber notwendig, um auch dem Kind das Gefühl von „Zuhause“ zu vermitteln.

Letztlich bin ich kein Gegner vom Wechselmodell, aber man muss für jeden Einzelfall sehr genau prüfen, ob es die richtige Lösung ist. Es pauschal als Lösung für alle Probleme und als Heilsmittel für das Kindeswohl anzusehen halte ich für verfehlt.

 

Kommentar zu “Interview in der Zeit zum Wechselmodell

  1. Liebe Rechtsanwältin,
    Sie sprechen mir aus der Seele: unser 10 jähriger Sohn wechselt seit 3 Jahren auf Wunsch des Vaters alle 2 Wochen. Der Richter hatte es zwar nicht angeordnet- aber Verfahrensbeiständin des Kindes hatte es, über meinen Wunsch einen Lebensmittelpunkt mit aber bis zu 10 Tagen monatlich beim Vater,vorgeschlagen. Unser Sohn schläft immer noch nicht alleine, ist oft krank und irgendwo, weil sensibel, damit überfordert. Ich bin davon überzeugt, dass alle Kinder , ,einen Lebensmittelpunkt brauchen- natürlich auch den Vater so oft wie möglich sehen können, aber kann mich gegen meinen Exmann nicht wehren,der sogar behauptet,es sei alles wunderbar!!!
    Das Wechselmodell dient dem Egoismus der Eltern, aber dem Kind nicht! Selbst wir Erwachsene brauchen einen Lebensmittelpunkt, oder möchte einer von uns ernsthaft tageweise, wochenweise zwischen 2 Wohnungen pendeln? Ich glaube ,dass sich die Eltern überhaupt keinen Gedanken darüber machen und unter dem Deckmantel(kinder brauchen beide Eltern zu gleichen Teilen) argumentiern. Ich kenne genügend Ehen, inklusive meiner eigenen, wo Der Vater berufsbedingt schon 17 Tage im Monat garnicht da war, oder solche, wo der Vater abends spät kommt und am Wochenende arbeitet. Und dann zu behaupten, Kinder bruchen beide zu gleichen Teilen, wenn es vorher auch nicht der Fall war?
    Aber es geht oft nur um die eigenen Interessen, traurige Welt.

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